Der Algorithmus: Geboren, um zu spalten?

Für diese Kolumne hatte sich Lisa Merki eigentlich vorgenommen, über etwas Positives zu schreiben. Doch dann sah sie die Netflix-Dokumentation „Inside the Manosphere“. Die Reportage beleuchtet die dunkle Welt toxischer Influencer, Incels und Anhänger von Verschwörungstheorien. Ein Satz aus der Dokumentation brannte sich in den Kopf der Social-Media-Managerin ein: „Ich wäre nie so erfolgreich auf Social Media geworden, wenn ich nicht so polarisieren würde.“


Polarisierung ist das Geschäftsmodell

Was sagt es über die Architektur unserer digitalen Welt aus, wenn Menschen dazu konditioniert werden, extreme Positionen zu besetzen, nur um sozial aufzusteigen? Die bittere Wahrheit: Es klickt sich einfach besser. Reichweite bedeutet Macht, Monetarisierung und das trügerische Gefühl von Zugehörigkeit.

Die Polarisierung ist kein unbeabsichtigtes Nebenprodukt. Sie ist fest in der DNA der meisten Social-Media-Plattformen verankert. Starke – und vorrangig negative – Emotionen treiben das Engagement in die Höhe. Sie erhöhen die Verweildauer auf den Plattformen und sind der Motor eines extrem lukrativen Geschäftsmodells.


Kein Versehen: Das Urteil gegen „fahrlässiges Design“

Dass Tech-Konzerne kein Interesse daran haben, dieses System zu ändern, liegt auf der Hand. Doch der Gegenwind wird stärker: Im März 2026 wurden Meta und YouTube in Los Angeles erstmals wegen „fahrlässigen Designs“ verurteilt. Die Gerichte sahen es als erwiesen an, dass Features wie der „Infinite Scroll“ und gezielte algorithmische Empfehlungen genau wie Spielautomaten funktionieren und gezielt Abhängigkeiten erzeugen.

Erinnern wir uns an die Enthüllungen der Whistleblowerin Frances Haugen: Interne Dokumente zeigten bereits, dass eine Algorithmus-Änderung bei Facebook im Jahr 2018 ganz bewusst dazu führte, dass kontroverse und wütende Posts mehr Reichweite erhielten. Warum? Weil Wut zu mehr Kommentaren, einer höheren Verweildauer und steigenden Werbeeinnahmen führt. Hass im Netz und gesellschaftliche Spaltung befeuern das Unternehmenswachstum.


Der rote Teppich für Extremismus

Social Media ist vielleicht das mächtigste Werkzeug unserer Zeit, um die öffentliche Wahrnehmung zu formen. Doch wenn Algorithmen und eine ungenügende Content-Moderation den Extremen förmlich den roten Teppich ausrollen, stellt sich eine fundamentale Frage: Überwiegt für uns als Gesellschaft der Vorteil von globaler Vernetzung und Community – oder zahlen wir einen zu hohen Preis durch algorithmische Radikalisierung?


Es ist Zeit für Social Media For Good

Niemand muss deshalb sofort alle Accounts löschen. Aber es zeigt deutlich, dass Social Media radikal neu gedacht werden muss. Als Social-Media-Verantwortliche spüren wir diese toxische Architektur jeden Tag, wenn uns die negative Grundstimmung in den Kommentarspalten entgegenschlägt. Algorithmen zwingen uns förmlich dazu, in jedes Content Piece mit einer noch extremeren Hook einzusteigen, nur um überhaupt noch wahrgenommen zu werden.

Zwar können wir individuell entscheiden, was wir auf unseren eigenen Accounts tolerieren, doch das ändert nichts an dem Medium, das strukturell darauf optimiert ist, Empörung zu monetarisieren. Plattformen müssen strenger reguliert werden – das Internet ist kein rechtsfreier Raum. Wir brauchen eine digitale Umgebung, in der wir nicht länger gegen das System anmoderieren müssen. Wir müssen die Demokratie aktiv zurückerobern, statt sie der Logik der Algorithmen zu überlassen.

Quelle: SocialHub Mag #30


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