Algo Speech: Warum wir auf Social Media in Codes sprechen

Social Media Marketer spekulieren gerne über den sagenumwobenen Algorithmus – eine Black Box voller Mythen. In der Praxis erleben viele regelmäßig das „0-View-Jail“: Inhalte erreichen keine Öffentlichkeit, oft aufgrund geflaggter Begriffe, die Videos in die digitale Versenkung verbannen. Als wirksames Gegenmittel haben Social Communities eine eigene Sprache entwickelt: Algo Speech.


Highlights: Das Wichtigste im Überblick

  • Kodierte Sprache: Nutzer ersetzen sanktionierte Begriffe durch algorithmusfreundliche Alternativen (z. B. „unalive“ statt „tot“).
  • Zensurschutz: Algo Speech ermöglicht Kommunikation über sensible Themen wie Sexualaufklärung oder Gewalt, ohne dass Accounts gelöscht werden.
  • Politischer Protest: In den USA wird „cute winter boots“ als Code für die Organisation von Widerstand und Protesten genutzt.
  • Begrenzte Sicherheit: Trotz kreativer Codes bleibt das Risiko von Account-Löschungen bestehen, wie Beispiele von Amorelie oder Marie Joan zeigen.
  • Wettrüsten: Codes werden oft schnell entlarvt, was eine ständige Weiterentwicklung der Sprache erfordert.

Was genau ist Algo Speech?

Algo Speech bezeichnet das Nutzen alternativer Begriffe, die als „algorithmusfreundlich“ gelten. Dabei werden oft Buchstaben durch Sonderzeichen ersetzt oder gänzlich neue Wörter erfunden, die mittlerweile Teil des regulären Social-Media-Slangs geworden sind. Beispiele hierfür sind „corn“ für Pornografie, „seggs“ für Sex oder „$SA“ für einen sexuellen Übergriff. Ohne diese Verzerrungen könnten viele Accounts nicht effektiv kommunizieren, ohne sofort zensiert zu werden.


Wenn Zensur Existenzen bedroht

Trotz dieser Hilfsmittel bietet kodierte Sprache keinen vollständigen Schutz. Vor allem im Bereich der Aufklärung und Wissensvermittlung zu sensiblen Themen führt die algorithmische Filterung oft zu unwiderruflichen Löschungen. So traf es beispielsweise Amorelie auf Facebook oder die Content Creatorin Marie Joan auf Instagram. Viele Akteure erstellen deshalb präventiv Backup-Accounts, um ihre Community bei einer Löschung nicht vollständig zu verlieren.


„Cute winter boots“: Codes als Werkzeug der Rebellion

Ein besonders eindrucksvolles Beispiel für die strategische Nutzung von Algo Speech findet sich aktuell in den USA. Unter dem harmlos klingenden Codewort „cute winter boots“ organisieren Nutzer auf TikTok Proteste gegen politische Geschehnisse. Die Captions und Voiceover suggerieren dem Algorithmus ein belangloses Mode-Video, während die eigentliche Message kryptisch oder subtil angedeutet wird. Sogar Namen von Prominenten wie Taylor Swift werden erwähnt, um regulären Content vorzutäuschen.

Tiefer in das politische Rabbit-Hole führen Keywords wie „HB 1484“ oder „SB 72“. Diese bezeichnen drastische Gesetzesentwürfe, die massiven Grundrechtsentzug vorsehen. Über die Codes teilen Nutzer Ratschläge zum Schutz ihrer Communities und organisieren Demonstrationen, um der algorithmischen Unterdrückung von Informationen entgegenzuwirken.


Fazit: Wer hat wen im Griff?

Algo Speech ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits überwindet sie Kommunikationsbarrieren, andererseits müssen Informationen von Konsumenten heute kritischer denn je hinterfragt werden. Die ständige Notwendigkeit, Wordings zu verdrehen, wirft eine fundamentale Frage auf: Haben die Plattformen uns mittlerweile mehr im Griff als wir sie? Für die Zukunft von Social Media bedeutet dies ein fortwährendes Spannungsfeld zwischen wirtschaftlichen Interessen der Tech-Giganten und dem Erhalt von Demokratie und Menschenrechten.

Quelle: SocialHub Mag #27


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